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Die Entdeckung der Welt der unendlichen Möglichkeiten

Florencia Zúñiger aus Chile studiert heute mit einem mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) Molekulare Biotechnologie in Heidelberg. Im Interview berichtet sie von ihren Erfahrungen als Studentin in Deutschland und gibt Tipps für den Bewerbungsprozess.


Sie haben an der Deutsche Schule Sankt Thomas Morus in Santiago de Chile Ihren Abschluss gemacht. Warum wollten Sie in Deutschland studieren?


Einerseits habe ich mich für Deutschland entschieden wegen der Qualität des Studiums und weil es kostenlos ist. Wichtig ist auch, dass die Lehrmethoden anders und meiner Meinung nach effektiver sind als die in meinem Heimatland Chile. Viele theoretische Grundsätze kommen mit direkten Beweisen. Als wir zum Beispiel eine neue Reaktion in Chemie lernten, hat der Dozent diese in der Vorlesung vorgeführt. So habe ich auch viele kleine Explosionen in meinen Vorlesungen gesehen. Und als wir das Thema Raketen in Physik lernten, haben wir auch deren Abschuss selbst erlebt.


Andererseits habe ich mich für Deutschland entschieden, weil ich wusste, dass ich dadurch mehr Möglichkeiten in der Welt haben würde. Hier werden Türen geöffnet, die in Chile einfach nicht existieren. Die kulturellen Möglichkeiten sind grenzenlos. Man kann Leute aus der ganzen Welt kennenlernen: Ich habe Freunde aus Rumänien, Kolumbien, Indonesien, Türkei, Nicaragua, El Salvador, Georgien, Litauen. Überdies ist hier nicht nur das Reisen viel einfacher, sondern auch die Möglichkeit, ein Semester im Ausland zu studieren. Es gibt viele Stipendien für Master oder Praktika in Ländern wie Japan, Spanien oder den USA. Da man als Student einen Aufenthaltstitel von der EU hat, kann man viele Museen oder Sehenswürdigkeiten in Europa kostenlos oder mit tollen Rabatten besuchen. Das Studium in Deutschland ist auch eine Möglichkeit, mich selbst zu entdecken, zu wachsen, zu lernen verantwortlich und selbständig zu sein.


Wie sind Sie auf das Stipendium aufmerksam gemacht worden? Haben Sie Vorschläge, wie die Schulen darauf aufmerksam machen könnten?


Damals, in der zwölften Klasse, hatte ich schon entschieden, dass ich in Deutschland studieren will. Deswegen habe ich mit dem Büro des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Chile einen Termin vereinbart und einfach gefragt, ob es Stipendien gibt.


Ich denke, dass es wichtig und notwendig ist, Schüler spätestens in der neunten Klasse auf das Stipendium aufmerksam zu machen, da die Noten ab diesem Zeitpunkt für die Bewerbung zählen. Außerdem ist es wichtig, dass sie von allen Möglichkeiten für das Studium erfahren. Nicht alle können selbst die Universität in Chile oder die Nebenkosten in Deutschland bezahlen und für diese ist das Stipendium eine sehr große Chance.


Ich empfehle auf jeden Fall Gespräche für die Schüler. Ich würde mich über eine Einladung freuen, wenn ich in Chile bin. Und ich denke andere Chilenen, die in Deutschland studieren, würden so etwas auch gerne machen. In Deutschland zu studieren ist so ein tolles Erlebnis. Die Schüler, und vielleicht noch mehr die Eltern, brauchen eine richtige „Erklärung“ dazu, was es wirklich heißt, hier zu wohnen und zu studieren.


Welche Dokumente sind notwendig für ein Studium in Deutschland und an welche Erledigungen muss man denken?


1. Schulnoten, Motivationsschreiben, Gutachten von Lehrern (nicht immer notwendig), Vocational Tests (normalerweise kostenlos und von der Universität selbst angeboten), alle Diplome (Sport, Noten, Wettbewerbe usw.), Lebenslauf, „Prueba de Financiamiento“ (Stipendium, Bankdokumente, usw.)


2. Übersetzung aller Dokumente. Eine Liste von offiziellen Übersetzern kann man in Chile auf der Webseite der Deutschen Botschaft finden.


3. Legalisation aller Dokumente (Schule/Universität, Kultusministerium, Justizministerium, Außenministerium, Botschaft)


4. Achtet darauf, ob die Universitäten die Bewerbung mit „UniAssist“ durchführen. Man sollte schon in den Sommerferien alles vorbereiten, da viele DAAD-Bewerber in Chile zunächst ein Semester dort studieren und die Klausuren in der Zeit liegen, wenn man die Dokumente für die Bewerbung für das Wintersemester abschicken muss. Ein erstes Semester habe ich auch in Chile studiert und es hat mir später viel geholfen.


5. Die Bewerbung ist sehr teuer, sicherlich mehr als 300.000 CLP. Schickt alle Dokumente einen Monat im Voraus ab – und für alle Chilenen: Benutzt nicht „Correos de Chile“. Das ist zwar viel billiger, aber die Dokumente gehen oft entweder verloren oder werden erst nach ein bis zwei Monaten Deutschland erreichen. Die beste Option ist „Chileexpress“, der schnell und zuverlässig ist.


Worauf muss man beim Motivationsschreiben und beim Lebenslauf achten?


Die Motivationsschreiben müssen nicht nur aussagen, dass man ein guter Schüler war und die besten Noten hatte. Denn alle Bewerber haben gute Noten. Man muss zeigen, dass man ein engagierter Mensch ist. In dem Motivationsschreiben muss man erklären, warum man anders als die anderen Bewerber ist. Man muss schreiben, was man in der Welt und für die Gesellschaft erreichen will. Sie wollen wissen, dass du das richtige Interesse und die richtige Motivation hast. Ich empfehle zu erklären, warum das Studium in Deutschland dein Traum ist und was du gerne nach dem Studium machen würdest – zum Beispiel an derselben Universität den Master abschließen.


Im Lebenslauf muss man nur schreiben was wichtig für das Studium ist, deswegen sind Nebenjobs wie Kellnern unwichtig. Laut meiner Dozenten ist das wichtigste Kriterium für die Auswahl der Bewerber das Praktikum. Weil es in Chile normalerweise unmöglich ist, vor dem Studium ein Praktikum zu machen, ist es empfehlenswert, ein Semester in Chile zu studieren. Besonders wenn das Studium im Wintersemester anfängt.


Kann man in Deutschland im Studentenwohnheim wohnen?


In meiner Studienstadt Heidelberg muss man sich mindestens sechs Monate vorher bewerben. Die Zimmer sind klein, aber sehr günstig und etwa zehn Minuten entfernt von Campus.


Fühlen Sie sich mit Ihrer Schulausbildung gut vorbereitet auf ein Studium in Deutschland?
Ich habe bemerkt, dass das Lernprogramm in Deutschland sich von dem in meinem Heimatland Chile unterscheidet. Das System des Lehrens ist hier auch anders. Aber wenn man viel lernt und nach Hilfe fragt, sind diese Unterschiede kein richtiges Problem.


Was sollte man in den ersten drei Tagen nach der Ankunft machen?


1. Wohnung suchen: Ich habe mir viele Wohnungen von Chile aus angesehen. Aber es ist sehr schwierig, etwas zu finden, weil sich die Leute erst mit den Bewerbern treffen wollen. Die allerbeste Website für die Wohnungssuche ist WG-gesucht.de. Es gibt auch viele Anzeigen in der Mensa der Universität oder beim Studentenwerk. Sei bereit eine Kaution von 300 bis 1.000 Euro zu bezahlen für die Möbel und das Zimmer. Eigene Möbel bekommt man sehr günstig bei Einrichtungshäusern wie IKEA, über Anzeigen in der Mensa oder über Gruppen auf Facebook.

2. Bankkonto eröffnen: Konten für Studenten sind normalerweise kostenlos, aber um ein Konto zu eröffnen, braucht man zuerst eine ständige Adresse.

3. Bescheinigung der Krankenversicherung: notwendig, um sich an der Uni einschreiben zu können.

4. Studentenausweis validieren und Semesterbeitrag bezahlen

5. Semesterticket kaufen

6. SIM-Karte für das Handy kaufen (mit oder ohne Vertrag)

7. Auf jeden Fall ein Fahrrad kaufen

8. Bürgeramt besuchen

9. VISA verlangen und Aufenthaltstitel bekommen


Was erwartet einen in Deutschland und an der Universität?


Man wird das Heimatland – die Familie, die Freunde, das Essen, einfach alles – vermissen, aber man hat gar nicht so viel Zeit zum Vermissen wegen des Studiums und der Erledigungen der ersten Tage. Es reicht, zwei Wochen vorher nach Deutschland zu fliegen, besonders wenn man schon eine Wohnung gefunden hat. Außerdem sind die ersten Tage auch eine tolle Möglichkeit, um die neue Stadt zu entdecken. Es ist wichtig, im Semester etwas außerhalb des Studiums zu finden: Sport, freiwillige Arbeit, irgendwelche Clubs etc.


Die Universität in Heidelberg unterscheidet sich nicht so sehr von der Universität in meinem Heimatland Chile, man hat aber normalerweise nur Klausuren am Ende des Semesters und oftmals auch nur eine Klausur pro Vorlesung. Man muss jeden Tag ein bisschen lernen, aber habt keine Angst vor den Klausuren. Die Dozenten oder Tutoren (meist Studenten aus höheren Semestern) sind immer bereit, bei Fragen zu helfen und normalerweise super nett. Habt auch keine Angst zu fragen und wenn ihr etwas auf Deutsch nicht wisst, versucht es auf Englisch zu sagen.


Hier muss man erwarten, die Kälte zu überleben, die schönen Weihnachtsmärkte zu besuchen, viele Latinos kennenzulernen, viele Süßigkeiten und Würste mit Brötchen zu essen, sehr pünktlich zu sein und sich an die deutsche Musik zu gewöhnen – manchmal kann man auch auf einer Party „Barbie Girl“ oder „La Macarena“ hören oder tanzen.


Es ist normal alles zu vermissen, damit muss man rechnen. Aber man ist hier nicht alleine und es gibt viele andere Ausländer von überall in der Welt, mit denen man sich unterhalten kann und die dasselbe Gefühl haben.


Wie sollte man auf Deutsch lernen und wie kann man die deutsche Sprache allgemein verbessern? Wie schätzen Sie Ihr Sprachniveau ein und wie hat es sich entwickelt?


Von der Sprache her war mein erster Monat in Heidelberg nicht einfach. Ich hatte etwa ein Jahr lang nicht mehr Deutsch geübt. Es gibt viele Dialekte und es kann schwierig sein, die Umgangssprache zu verstehen. Den Vorlesungen zu folgen war dagegen nicht so schwer, da die Dozenten Hochdeutsch sprechen. Am Anfang war es allerdings schwierig, mich auf Deutsch zu konzentrieren und die Sprache nicht nur zu verstehen, was deutlich einfacher war, sondern auch zu sprechen. Aber nach diesem ersten Monat konnte ich mich gut konzentrieren und fast alles verstehen. Klar gibt es noch Wörter, die ich nicht kenne, aber man kann immer Englisch als Hilfe benutzen. Mein Deutsch-Niveau war ausreichend, aber es dauert ein bisschen, sich zu trauen, wieder auf Deutsch zu reden und die Umgangssprache zu lernen und zu verstehen.


Wegen der Klausuren kann man vorher mit dem Dozenten sprechen und fragen, ob man ein Wörterbuch benutzen oder einfach auf Englisch antworten kann. Das ist normalerweise in Ordnung.


Wie viel Geld braucht man in Deutschland zum Leben? Und wie sind die Kosten im Vergleich zu Ihrem Heimatland Chile?


Meiner Meinung nach ist es nicht viel anders als in Chile. Manche Dinge sind deutlich teurer, wie zum Bespiel Obst und Salat. Andere Dinge wie Milch und Mehl sind billiger. Man sollte mit 500 bis 600 Euro überleben können, aber es hängt auch sehr vom Preis der Wohnung ab.


Ein Beispiel für eine Monatsrechnung:


• Wohnung (mit Nebenkosten): 200 bis 500 Euro (je nach Stadt), im Durchschnitt etwa 350 Euro
• Essen: 100 Euro
• Essen in der Mensa: 50 Euro
• Anderes (Partys, Handy, Märkte): 50 Euro
• Hefte, Waschpulver, Shampoo etc.: 20 Euro


Was ist ganz anders, als Sie es erwartet haben? Gab es ein besonders positives Erlebnis im ersten Jahr?


Ich hatte nicht erwartet, so viele Leute aus anderen Ländern kennenzulernen. Das ist für mich wirklich schön und so habe ich die Möglichkeit, wirklich vieles über andere Kulturen zu lernen.


Ich hatte auch die Möglichkeit, drei ganze Wochen durch Europa zu reisen. In Deutschland ist es relativ einfach, einen Minijob zu finden, was ich auch gemacht habe, und so Geld zum Reisen zu sparen. Ich arbeite nur ein paar Stunden in der Woche und mit dem Geld, das ich verdiente, bin ich mit einer Freundin aus Nicaragua verreist. Wir haben viele Städte besucht: Amsterdam, Paris, Rom, Venedig, Budapest und Prag. In den drei Wochen haben wir tolle Leute von überall in der Welt kennengelernt und Deutsch auch in Ländern wie Ungarn und Frankreich gesprochen. So eine Reise ist nicht extrem teuer, es gibt viele Rabatte für Studenten. Ein Interrail-Pass mit sieben Reisetagen durch Europa kostet zum Beispiel weniger als 250 Euro und über Angebote wie CouchSurfing oder Airbnb kann kostenlose oder billige Übernachtungen finden. Es war so eine schöne Zeit, dass ich und meine Freunde schon die Reise für nächstes Jahr geplant haben.


Was würden Sie einem Schulabgänger sagen, der unentschieden ist, ob er in seinem Heimatland oder in Deutschland studieren soll?


Wenn ich mich nicht für das Studium in Deutschland entschiedet hätte, wäre das der größte Fehler meines Lebens gewesen, weil mich das, was ich hier erlebt habe, und die Freunde, die ich gewonnen habe – meine zweite Familie – mich selbst auf ewig verändert haben. Deutschland bedeutet für mich nicht nur ein exzellentes Studium und eine tolle Universität, sondern auch die Möglichkeit, eine Welt mit unendlichen Möglichkeiten zu entdecken.


Dieses ist die schwierigste Entscheidung, die man treffen kann. Du wirst alles vermissen und es wird wirklich schwer sein, zumindest in den ersten Tagen. Es ist in Ordnung, Angst zu haben – ich hatte auch Angst. Wir werden immer Angst haben, weil sie ein Teil unseres Lebens ist. Doch sollte diese Angst nicht unser Leben beherrschen. Dies ist dein Leben und nur du selbst kannst es leben. Du muss es für dich selbst leben. Wenn du wegen deiner Angst nicht wirklich lebst, nichts riskierst und deine Träume nicht verfolgst, wirst du niemals die Wunder auf der anderen Seite unserer „Cordillera de los Andes“, entdecken. Dein Traum – das Leben von dem du träumst – wird nur verwirklicht, wenn du es auch verfolgst.